Dorothee-Sölle-Haus   

Evangelisches Gemeinde- und Familienzentrum – eine Chronik

Bereits 1997 entstand die Idee, für die Kinder- und Familienarbeit der Gemeinde ein neues Haus an einem neuen Standort zu errichten In den Folgejahren wurde diese Idee unter verschiedenen Gesichtspunkten diskutiert (Umstrukturierung der Kitas; hoher Sanierungsbedarf für deren Gebäude; neue Akzente für die Gemeindearbeit). Der Wunsch nach Überlassung eines Grundstücks wurde mit dem Bezirksamt erörtert. Die Kita-Planungsgruppe der Gemeinde erarbeitete das Konzept für ein Familienzentrum, indem sie bestehende Einrichtungen besuchte und die ursprüngliche Idee weiter entwickelte.

Ab dem Jahr 2002 zeichnete sich der Plan der Berliner Schulverwaltung zur Einführung von Ganztagsschulen ab. Weil dies die Überführung der Hortplätze an die Schulen bedeutete, würden die freien Träger an der Hortbetreuung nur noch sehr begrenzt beteiligt sein. Außerdem wurde die Situation der Kita II an der Marienfelder Allee / Ahrensdorfer Straße durch den Ausbau der B 101 als Autobahnzubringer immer problematischer, auch wenn vorgesehen war, die Kita durch eine Lärmschutzwand abzuschirmen.

Im Jahr 2003 stellte sich heraus, dass der Bezirk den von der Gemeinde favorisierten neuen Standort nicht zur Verfügung stellen konnte. Es wurde deutlich, dass die notwendige Veränderung nicht Erweiterung, sondern Reduzierung der Betreuungsplätze erforderte, und dass das Familienzentrum nur auf einem der vorhandenen Gemeindegrundstücke errichtet werden konnte, wofür sich – das ergab ein Machbarkeitsstudie - die Waldsassener Straße 9 als am besten geeignet erschien. Also beschloss der GKR den Verkauf der Kita-Grundstücke und begann mit der Planung für einen Erweiterungsbau des Gemeindezentrums.

Langwierige Verhandlungen mit dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg und der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung begannen im Frühjahr 2004, um den Verkauf der Liegenschaft Ahrensdorfer Straße 1 zu er

möglichen. Die geplante Lärmschutzwand musste aus der Planung genommen und die Bebaubarkeit des Grundstücks für gewerbliche Zwecke gestattet werden. Nur unter großen Schwierigkeiten gelang es, die notwendigen Kooperationen zwischen Bezirks- und Landesebene zu erreichen.

Ende 2004 wurde ein Investor gefunden, der bereit war, sich dieser schwierigen Planungsarbeit anzunehmen. Am 31. Januar 2005 wurde der Kaufvertrag unterschrieben.

Gleichzeitig wurde das Planungsbüro „phase 1“ aus Berlin mit den Vorarbeiten für einen Architektenwettbewerb beauftragt. Der GKR hatte sich dazu entschlossen, diese zusätzlichen Kosten aufzubringen, um Raumbedarf und Nutzungskonzepte möglichst rasch zu erheben und Planungsvorgaben für die Architekten professionell erarbeiten zu lassen. Aus 29 Architekturbüros, alle bereits mit Erfahrungen mit Kita-Bau, wurden fünf Büros für die Teilnahme am Realisierungswettbewerb ausgewählt, der unter enormem Zeitdruck im Februar 2005 ausgelobt wurde.

Unter den fünf Entwürfen stellten sich zwei sehr verschiedene Konzepte als realisierbar heraus. Die Jury des Wettbewerbs, die unter Beteiligung des gesamten Gemeindekirchenrates am 31. Mai 2005 tagte, entschied sich einmütig für den Entwurf des Büros Lüling/Rau. Bereits in seiner nächsten Sitzung konnte der GKR beschließen, die 1. Preisträgerinnen mit dem Bau zu beauftragen. Die Baukosten kommen zur Hälfte aus dem Kaufpreis für das Grundstück, zur anderen Hälfte aus den Baurücklagen der Kitas und der Gemeinde sowie aus großzügigen Zuschüssen von Landeskirche und Kirchenkreis. So konnte der Finanzierungsplan über 1,97 Mio € aufgestellt werden, dem die Landeskirche und das Kirchliche Bauamt im Dezember 2005 zustimmten. Auch die Architektinnen hatten den Sommer 2005 sofort genutzt, um die Baugenehmigung zu beantragen, die Ende November, leider zu knapp vor dem Winter, erteilt wurde.

Im Rückblick auf das Jahr 2005 ist vielen Menschen zu danken, ohne die eine so schnelle Abwicklung nicht möglich gewesen wäre – besonders den Architektinnen, die ohne zu zögern das Projekt zu „ihrem“ Projekt gemacht haben. Aber auch den zuständigen Stellen im Kirchlichen Verwaltungsamt und in der Kirchenleitung, denn sie ließen sich auf ein Finanzierungskonzept ein, dessen Realisierung frühestens im folgenden Jahr zu erwarten war, da die entsprechenden Planungsvorgaben für den Grundstücksverkauf noch lange nicht erfüllt waren.

Am 1. Dezember 2005 war Baubeginn mit einem Abriss: Mit zwiespältigen Gefühlen musste die „GZ“-Gemeinde von ihrer Kapelle Abschied nehmen. Vieles wäre einfacher gewesen, wenn der strenge Winter nicht genau an dem Tag eingebrochen wäre, an dem die Bodenplatte für die Kita hätte gegossen werden sollen – so aber begann in der Woche nach Weihnachten eine beispiellose Kälteperiode, die den Bau um drei Monate verzögerte. Aber während wir in der Passionszeit sehnsüchtig auf das Frühjahr warteten, wurde von der Firma Ochs im Hunsrück bereits der Holzbau produziert, der endlich, endlich – und dann in Windeseile! – im Mai aufgestellt werden konnte. Auch dann hatten wir wieder Pech mit dem Wetter: Nach den ersten schönen Maitagen kam der große Regen, der auch noch das Richtfest am 31. Mai 2006 beeinträchtigte.

Der Zeitdruck wuchs immer weiter: Die Senatsverwaltung hatte uns verpflichtet, den Kitastandort an der Marienfelder Allee spätestens in den Sommerferien aufzugeben, da die Lärmschutzwand nun nicht mehr gebaut wurde und die vierspurige Straße zur Fußball-WM in Betrieb gehen sollte. Das Bezirksamt hingegen ließ sich Zeit mit der Planänderung, die den erfolgreichen Verkauf überhaupt erst ermöglichte: Sie wurde überhaupt erst am 30. August 2006 in einer Sondersitzung beschlossen!

Aber ein Familienzentrum besteht nicht nur aus Gebäuden und Grundstücken, sondern aus Menschen, Mitarbeiterinnen, Kindern, Eltern, Alten und Jugendlichen. Unendlich viel Neues, manchmal auch Schmerzliches, war zu bewältigen. Zwei Kitas wurden zusammen gelegt, die MitarbeiterInnen mussten sich mit neuen Arbeitsverhältnissen und neuen Arbeitsplätzen anfreunden. Niemandem musste gekündigt werden, aber alle arbeiten jetzt an anderer Stelle als noch vor zwei Jahren, und auch nicht alle in der neuen Kita. Zahllose Gespräche wurden geführt, und nicht alle Wünsche konnten erfüllt werden.

Die neue Situation sieht jetzt so aus: „Kita II“ und „Kita III“ gibt es in der alten Form nicht mehr – sie bilden jetzt zusammen die „Kita im Familienzentrum“ mit 105 Plätzen. Die Horte der Kitas wurden aufgegeben – die verbliebenen Hortkinder wurden von der Hortinitiative übernommen. unsere Eltern-Kind-Gruppen wurden aufgelöst, die Kinder haben jetzt Halbtagsplätze in der neuen Kita. Das Kinderhaus und der Raum im Pfarrhaus stehen jetzt vorläufig leer. Frau Kurz leitet zusammen mit Frau Czeranski die neue Kita. Herr Dombrowski arbeitet mit jeweils einer halben Stelle in beiden Kitas und wurde im Umfang seiner bisherigen Tätigkeit mit Leitungsaufgaben betraut. Frau Lanz (Eltern-Kind-Gruppe) ging vergangenes Jahr in den Ruhestand, Frau Lück ist Mitarbeiterin in der neuen Kita, Frau Eyerund hat eine andere Stelle im Kirchenkreis. Ein herzlicher Dank gilt allen, die sich in diesen schwierigen und aufregenden Zeiten auf die neue Situation eingelassen haben – es ist nicht selbstverständlich, dass aus bisher eingespielten Teams in anderer Zusammensetzung wieder eine vertrauensvolle Zusammenarbeit erwächst!

Die Belastungen des Umzugs und Übergangs wurden unter der Leitung von Frau Kurz mit Bravour gemeistert, Wirtschaftskräfte und Köchinnen brauchten Flexibilität und Erfindungsreichtum, um die Versorgung zu gewährleisten, die Eltern haben viel Geduld und Verständnis gehabt: Etwas verspätet und in nur kleinem Rahmen haben wir am 13. September den Einzug der Kita gefeiert.

Unbeschreiblich waren zwischenzeitlich die Bedingungen, unter denen die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen des Gemeindezentrums ihre Arbeit weiter getan haben und unendlich die Geduld der Mitglieder in den Gruppen und Kreisen, die zwischen Baustaub, Handwerkerlärm und mit dem Gefühl, dass ihr altes Haus ihnen unter den Händen zerfällt...

Ein besonderer Dank geht an unsere Namenspatronin Dorothee Sölle. Die Diskussionen darüber, wie „unser Baby“ heißen sollte, gehören zu den schönen, den konstruktiven Erinnerungen an das Jahr, das hinter uns liegt. Sowohl mit Mitarbeiter/innen und Gemeindegliedern wie mit dem GKR hat uns die Beschäftigung mit ihrem Werk, ihren Büchern und Gedichten, ihrer Theologie dabei geholfen, nicht nur eine verwaltungsintensive Gemeindereform und eine über die Maßen anstrengende Baustelle zu managen, sondern inhaltlich an die Zukunft zu denken – dass wir all dies tun,. um Räume zu schaffen für Begegnung und Hilfe, für das Lachen, Weinen, Reden, Schweigen und Feiern, damit die Gemeinde ein Segen sein kann für alle, die sie brauchen.

Carola Enke-Langner